
Die Erscheinungsform der Karikaturen ist äußerst unterschiedlich. Manche
beschränken sich auf wenige, relativ eindeutige Bildelemente, andere sind
äußerst komplex strukturiert, mit literarischen, historischen oder
künstlerischen Bezügen versehen, die oft noch diachrone Zeitebenen miteinander
verbinden und dadurch äußerst schwierig zu deuten sind.
Wolfgang Marienfeld (in Geschichte lernen 3(1990, Heft 18 )unternimmt
den Versuch zwei grundlegende Strukturelemente als Ansatz für eine
Kategorisierung von Karikaturen zu verwenden: die Darstellungsstruktur
(Form der Darstellung der Bildelemente) und die inhaltliche Struktur der
Karikaturen.
Bei den grundlegenden Darstellungsstrukturen lassen sich nach Marienfeld drei
Typen ausmachen:
- Apersonale Sachkarikatur, die sich zwar auf politisches Handeln
(=personales Handeln) bezieht, jedoch keine Personen abbildet, sondern nur
Sachen oder Gegenstände als graphische Elemente der Aussage verwendet .
- Personale Typenkarikatur, handelnde Einheiten, Staaten,
Organisationen, Völker, Gruppen oder Institutionen werden auf einen
Individualtypus stilisiert, dessen Aussehen und Ausstattungsmerkmale einen
Rückschluss auf die gemeinte Einheit zulassen. Vor dem multimedialen
Zeitalter war dies eine sehr gebräuchliche Karikaturform, da individuelle
Gesichtszüge von Personen und Politikern , anders als heute über das
Fernsehen, nicht so bekannt waren. Beispiele sind : Michel oder
Germania (Symbol für Deutschland); Marianne (Frankreich); Uncle Sam (USA);
Jack Bull (heute weniger bekanntes Symbol für England, in Karikaturen des
19.Jahrhundert häufig verwendet); Arbeiter, Bauer und Klerus als Symbole
für Stände; britische Löwe, französische Hahn, russische Bär etc.
- Personale Individualkarikaturen machen heute den größten Teil der
Publikationen aus. Personen, die dargestellt werden, sind entweder im
Aussehen bekannt oder sie werden zur Kennzeichnung, bzw. aus stilistischen
Gründen mit für sie typischen Beigaben ausgestattet (z.B. die drei Haare
Bismarcks; das Champagnerglas bei Friedrich Wilhelm IV.) oder bisweilen bei
geringerem Bekanntheitsgrad mit Namensschildern versehen.
Auf der Basis der inhaltlichen Struktur untergliedert Marienfeld in
drei Karikaturarten:
- Ereigniskarikatur: sie ist bezogen auf ein punktuelles Geschehen im
historischen Geschehen und von begrenzter zeitlicher Aktualität und ist um
so schwieriger zu erschließen, je geringer das Bezugsereignis in seiner
Bedeutung längerfristig gewesen ist (Beispiele: Wahlergebnisse,
Regierungsschicksale, politische Zwischenfälle, bedeutsame Äußerungen,
politische Konferenzen).
- Prozesskarikatur: sie befasst sich mit geschichtlichen Verläufen,
Wandel, Wendepunkten, Auf -und Abstiegen, Vorher - Nachher - Zuständen und
ist oft in zwei oder mehrphasige Zyklen gegliedert, meist in
regressiver Blickrichtung oder auch als nichtreale Projektion (Bsp:
"Oh, Bruder" von H.E.Köhler).
Beispiel
Gustav Heil
16.12.1870 aus : Koch,
Ursula: Der
Teufel in Berlin. Von Märzrevolution bis zu Bismarcks Entlassung, Köln 1991
3. Zustandskarikatur:
Dauerhafte Strukturen wie Herrschafts-, Gesellschafts- und
Wirtschaftsordnungen sollen gekennzeichnet werden
Prinzipiell ist zu sagen, dass die Grenzen und Übergänge zwischen den
Karikaturarten oft fließend sind und sie nicht immer eindeutig einer Kategorie
zugeordnet werden können.
Beispiele
Apersonale Sachkarikatur und Prozesskarikatur
Ivan Kovacik (Slowakei) 1990
aus: Deutschlandbilder. Das
Vereinte Deutschland in der Karikatur des Auslandes, München 1994
Personale
Typenkarikatur
"Die deutsche Frage" Fritz Wolf
(Deutschland), erschienen in: Die Welt vom 25.3.1959
Deutscher Michel
Personale Individualkarikaturen
Vicky, aus: Der
Spiegel 2 (1948) vom 19.6.1948,S.4; ursprünglich im News Chronicle erschienen
© Christine Stutz